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„Verlustentwicklung“ und
Versicherungsbilanzierung
Schlechte Terminologie ist
der Feind guten Denkens. Wenn Unternehmen oder Investmentprofis
Formulierungen wie „EBITDA“ oder „pro forma“ benutzen, möchten
sie, daß Sie unwissentlich Konzepte akzeptieren, die
gefährliche Fehler aufweisen (Beim Golf sind meine Ergebnisse auf
„pro-forma“-Basis häufig unter par; ich habe feste Pläne,
meinen Putting Stroke umzustrukturieren und zähle deswegen nur die
Schwünge, die ich mache, bevor ich das Grün erreiche).
In den Berichten von
Versicherungen ist „Verlustentwicklung“ eine gebräuchliche
Formulierung - und eine, die ernsthaft irreführend ist.
Zunächst eine Definition: Verlustreserven bei einem Versicherer
sind keine Mittel, die für einen Regentag zurückgelegt
wurden, sondern mehr eine Verbindlichkeit. Wenn vernünftig
berechnet, stellen diese Verbindlichkeiten die Summe dar, die ein
Versicherer für alle seine Leistungen (einschließlich damit
verbundener Kosten) bezahlen muß, die vor dem Bilanzstichtag
angefallen, aber noch nicht ausgezahlt worden sind. Bei der Berechnung
der Reserven wird der Versicherer über viele der Leistungen
informiert sein, die er zu zahlen hat, aber einige werden ihm noch
nicht gemeldet worden sein. Diese Leistungen werden IBNR genannt (das
steht für angefallen, aber noch nicht gemeldet). Tatsächlich
ist sich der Versicherte in manchen Fällen (sagen wir
Produkthaftung oder Unterschlagung) selbst nicht bewußt,
daß ein Versicherungsfall eingetreten ist.
Natürlich ist es
für einen Versicherer schwierig, einen Betrag für die
endgültigen Leistungen aus all diesen gemeldeten und ungemeldeten
Ereignissen anzusetzen. Aber die Fähigkeit, dies mit angemessener
Genauigkeit zu tun, ist lebenswichtig. Ansonsten kennen die Manager des
Versicherers die aktuellen Kosten für die Leistungen sowie das
Verhältnis zu den erzielten Prämien nicht. GEICO geriet in
den frühen ‘70er Jahren in große Schwierigkeiten, weil sie
mehrere Jahre zu wenig Reserven hatte und deswegen glaubte, daß
ihr Produkt (Versicherungsschutz) deutlich weniger kostete als es
wirklich der Fall war. Logischerweise segelte die Gesellschaft
glückselig weiter, verkaufte ihr Produkt zu billig und verkaufte
mehr und mehr Policen mit immer größeren Verlusten.
Wenn es offensichtlich
wird, daß die Reserven von vergangenen Bilanzstichtagen die im
Moment wirklich bestehenden Verpflichtungen unterschreiten, sprechen
die Gesellschaften von „Verlustentwicklung“. Im Jahr ihrer Entdeckung
bestrafen diese Defizite ausgewiesene Gewinne, weil diese
„aufgelaufenen“ Kosten aus den vergangenen Jahren zu den Kosten aus
diesem Jahr addiert werden müssen, wenn die Ergebnisse ermittelt
werden. Das ist 2001 bei General Re geschehen: Umwerfende $ 800
Millionen Leistungen, die tatsächlich in früheren Jahren
angefallen sind, aber damals nicht aufgezeichnet wurden, wurden im
letzten Jahr verspätet bemerkt und mit aktuellen Gewinnen
verrechnet. Ich kann Ihnen versichern, daß dies ein ernster
Fehler war. Nichtsdestoweniger bedeuteten diese zu geringen Reserven,
daß wir mehrere Jahre glaubten, daß unsere Kosten viel
geringer wären als in Wirklichkeit, ein Fehler, der zu
jämmerlich unangemessenen Preisen führte. Zusätzlich
führten die übertriebenen Gewinnzahlen dazu, daß wir
beträchtliche Bonuszahlungen leisteten, die wir nicht hätten
leisten sollen, und zu Steuerzahlungen, die früher als nötig
anfielen.
Wir empfehlen, den Begriff
„Verlustentwicklung“ und seinen ebenso häßlichen Zwilling
„Stärkung der Reserven“ zu verschrotten (können Sie sich
einen Versicherer vorstellen, der seine Reserven für zu hoch
hält und die anschließende Reduktion als „Schwächung
der Reserven“ bezeichnet?). „Verlustentwicklung“ suggeriert den
Investoren, daß ein natürliches, unkontrollierbares Ereignis
in diesem Jahr stattgefunden hat, und „Stärkung der Reserven“
impliziert, daß angemessene Summen zusätzlich erhöht
wurden. Jedoch ist es die Wahrheit, daß das Management falsch
geschätzt hat, was zu einem Fehler in den in der Vergangenheit
ausgewiesenen Gewinnen geführt hat. Die Verluste haben sich nicht
„entwickelt“ - sie waren schon die ganze Zeit da. Was sich entwickelt
hat, war, daß das Management die Verluste begriffen hat (oder, im
Fall einer Schikane, der Wille des Managements, es endgültig
zuzugeben).
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