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Aktionärsbrief Berkshire Hathaway 2001 - Teil 10

„Verlustentwicklung“ und Versicherungsbilanzierung

Schlechte Terminologie ist der Feind guten Denkens. Wenn Unternehmen oder Investmentprofis Formulierungen wie „EBITDA“ oder „pro forma“ benutzen, möchten sie, daß Sie unwissentlich Konzepte akzeptieren, die gefährliche Fehler aufweisen (Beim Golf sind meine Ergebnisse auf „pro-forma“-Basis häufig unter par; ich habe feste Pläne, meinen Putting Stroke umzustrukturieren und zähle deswegen nur die Schwünge, die ich mache, bevor ich das Grün erreiche).

In den Berichten von Versicherungen ist „Verlustentwicklung“ eine gebräuchliche Formulierung - und eine, die ernsthaft irreführend ist. Zunächst eine Definition: Verlustreserven bei einem Versicherer sind keine Mittel, die für einen Regentag zurückgelegt wurden, sondern mehr eine Verbindlichkeit. Wenn vernünftig berechnet, stellen diese Verbindlichkeiten die Summe dar, die ein Versicherer für alle seine Leistungen (einschließlich damit verbundener Kosten) bezahlen muß, die vor dem Bilanzstichtag angefallen, aber noch nicht ausgezahlt worden sind. Bei der Berechnung der Reserven wird der Versicherer über viele der Leistungen informiert sein, die er zu zahlen hat, aber einige werden ihm noch nicht gemeldet worden sein. Diese Leistungen werden IBNR genannt (das steht für angefallen, aber noch nicht gemeldet). Tatsächlich ist sich der Versicherte in manchen Fällen (sagen wir Produkthaftung oder Unterschlagung) selbst nicht bewußt, daß ein Versicherungsfall eingetreten ist.

Natürlich ist es für einen Versicherer schwierig, einen Betrag für die endgültigen Leistungen aus all diesen gemeldeten und ungemeldeten Ereignissen anzusetzen. Aber die Fähigkeit, dies mit angemessener Genauigkeit zu tun, ist lebenswichtig. Ansonsten kennen die Manager des Versicherers die aktuellen Kosten für die Leistungen sowie das Verhältnis zu den erzielten Prämien nicht. GEICO geriet in den frühen ‘70er Jahren in große Schwierigkeiten, weil sie mehrere Jahre zu wenig Reserven hatte und deswegen glaubte, daß ihr Produkt (Versicherungsschutz) deutlich weniger kostete als es wirklich der Fall war. Logischerweise segelte die Gesellschaft glückselig weiter, verkaufte ihr Produkt zu billig und verkaufte mehr und mehr Policen mit immer größeren Verlusten.

Wenn es offensichtlich wird, daß die Reserven von vergangenen Bilanzstichtagen die im Moment wirklich bestehenden Verpflichtungen unterschreiten, sprechen die Gesellschaften von „Verlustentwicklung“. Im Jahr ihrer Entdeckung bestrafen diese Defizite ausgewiesene Gewinne, weil diese „aufgelaufenen“ Kosten aus den vergangenen Jahren zu den Kosten aus diesem Jahr addiert werden müssen, wenn die Ergebnisse ermittelt werden. Das ist 2001 bei General Re geschehen: Umwerfende $ 800 Millionen Leistungen, die tatsächlich in früheren Jahren angefallen sind, aber damals nicht aufgezeichnet wurden, wurden im letzten Jahr verspätet bemerkt und mit aktuellen Gewinnen verrechnet. Ich kann Ihnen versichern, daß dies ein ernster Fehler war. Nichtsdestoweniger bedeuteten diese zu geringen Reserven, daß wir mehrere Jahre glaubten, daß unsere Kosten viel geringer wären als in Wirklichkeit, ein Fehler, der zu jämmerlich unangemessenen Preisen führte. Zusätzlich führten die übertriebenen Gewinnzahlen dazu, daß wir beträchtliche Bonuszahlungen leisteten, die wir nicht hätten leisten sollen, und zu Steuerzahlungen, die früher als nötig anfielen.

Wir empfehlen, den Begriff „Verlustentwicklung“ und seinen ebenso häßlichen Zwilling „Stärkung der Reserven“ zu verschrotten (können Sie sich einen Versicherer vorstellen, der seine Reserven für zu hoch hält und die anschließende Reduktion als „Schwächung der Reserven“ bezeichnet?). „Verlustentwicklung“ suggeriert den Investoren, daß ein natürliches, unkontrollierbares Ereignis in diesem Jahr stattgefunden hat, und „Stärkung der Reserven“ impliziert, daß angemessene Summen zusätzlich erhöht wurden. Jedoch ist es die Wahrheit, daß das Management falsch geschätzt hat, was zu einem Fehler in den in der Vergangenheit ausgewiesenen Gewinnen geführt hat. Die Verluste haben sich nicht „entwickelt“ - sie waren schon die ganze Zeit da. Was sich entwickelt hat, war, daß das Management die Verluste begriffen hat (oder, im Fall einer Schikane, der Wille des Managements, es endgültig zuzugeben).

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