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Aktionärsbrief Berkshire Hathaway 2001 - Teil 11

Ein unverblümteres Etikett für das zur Debatte stehende Phänomen könnte „Verluste, die wir nicht bemerkten, als sie auftraten“ (oder vielleicht einfach „Uuups“) sein. Es sollte beachtet werden, daß zu geringe Reserven ein verbreitetes - und ernstes - Problem in der gesamten Gebäude- und Sachversicherungsbranche darstellen. Bei Berkshire erzählten wir Ihnen 1984 und 1986 von unseren eigenen Problemen mit zu niedrigen Schätzungen. Im Allgemeinen jedoch ist unsere Reservenbildung konservativ gewesen.

Bedeutend zu niedrige Reserven sind häufig bei Gesellschaften, die ums Überleben kämpfen. In Wirklichkeit ist die Bilanzierung von Versicherungen ein selbst-benotetes Examen, in dem der Versicherer seinem Wirtschaftsprüfer einige Zahlen gibt, die üblicherweise nicht hinterfragt werden (was der Wirtschaftsprüfer jedoch bekommt, ist ein Brief vom Management, der so konstruiert ist, daß seine Firma aus allen Schwierigkeiten raus ist, wenn die Zahlen später dumm aussehen). Eine Gesellschaft in finanziellen Schwierigkeiten - einer Art, die sie, ernsthaft betrachtet, aus dem Geschäft bringen kann - wird selten ein strenger Bewerter sein. Wer will den auch seinen eigenen Totenschein ausstellen?

Selbst wenn Unternehmen die besten Absichten haben, ist es nicht einfach, die Reserven richtig zu berechnen. Ich habe die Geschichte über den im Ausland reisenden Kameraden schon mal erzählt, den seine Schwester anruft, um ihm zu sagen, daß ihr Vater gestorben ist. Der Bruder antwortet, es sei ihm unmöglich, zur Beerdigung zu kommen; er erklärt sich aber bereit, die Kosten zu tragen. Bei seiner Rückkehr erhält der Bruder eine Rechnung von der Leichenhalle über $ 4.500, die er sofort bezahlt. Einen Monat später, und einen Monat danach nochmals, zahlt er 10 Dollar gemäß einer zusätzlichen Rechnung. Als die dritte 10-Dollar-Rechnung kommt, ruft er seine Schwester an, um eine Erklärung zu erhalten. „Oh“, antwortet sie, „ich habe vergessen, es dir zu erzählen: Wir haben Papa in einem geliehenen Anzug beerdigt.“

In den vergangenen Geschäften von Versicherungsunternehmen sind eine Menge „geliehener Anzüge“ vergraben worden. Die Probleme, die sie anzeigen, schlummern manchmal Jahrzehnte, bis sie sich bösartig manifestieren, wie es bei Asbest der Fall war. So schwierig das auch sein mag, es ist die Verantwortung des Managements, für alle Möglichkeiten angemessen zu bilanzieren. Konservatismus ist unentbehrlich. Wenn ein Manager für Versicherungsleistungen in das Büro des CEO geht und „Rate mal, was gerade passiert ist“ sagt, erwartet der Boss, wenn er erfahren ist, nicht, gute Nachrichten zu hören. Die Wirkung von Überraschungen in der Versicherungswelt war schon immer alles andere als identisch mit ihrem Einfluß auf Gewinne.

Aufgrund dieser einseitigen Erfahrung ist es eine Torheit vorzuschlagen, wie es einige tun, daß alle Reserven der Gebäude- und Sachversicherung diskontiert werden sollen, ein Herangehen, das die Tatsache widerspiegelt, daß sie in der Zukunft gezahlt werden und ihr aktueller Wert deswegen geringer ist als die ausgewiesenen Rückstellungen für sie. Diskontieren könnte akzeptabel sein, wenn die Reserven genau ermittelt werden könnten. Sie können es aber nicht, weil Myriaden von Kräften - die Ausweitung der juristischen Sprache bei Policen und medizinische Inflation, um nur zwei chronische Probleme zu nennen - konstant daran arbeiten, Reserven unangemessen werden zu lassen. Diskontierung würde diese bereits ernste Situation noch verschlimmern und zusätzlich ein neues Werkzeug für die Gesellschaften darstellen, die sich dem Ende zuneigen.

Ich würde sagen, daß die Effekte davon, einem Versicherungs-CEO, von dem Gewinne erwartet werden, zu erzählen, die Reserven durch Diskontieren zu verringern, mit denen vergleichbar wären, die sich daraus ergeben würden, wenn ein Vater seinem 16-jährigen Sohn sagen würde, er solle ein normales Sexualleben führen. Keine Seite braucht diese Art von Anschub.

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