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Berkshire Hathaway
Aktionärsbrief 2002 - Teil 5
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Das Versicherungsgeschäft
Wenn unser Versicherungsgeschäft
langfristig Mittel zu niedrigen Kosten generieren soll, müssen
folgende Bedingungen erfüllt sein: (a) diszipliniertes Eingehen
von Risiken, (b) konservative Reserven und (c) Vermeidung einer
Ansammlung von übernommenen Risiken, die es mutmaßlich
„unmöglichen" Ereignissen erlauben würden, seine Solvenz zu
bedrohen. Mit einer Ausnahme haben alle unsere bedeutenden
Versicherungsgeschäfte diese Bedingungen regelmäßig
erfüllt.
Die Ausnahme ist General Re, und es gab
bei dieser Gesellschaft viel zu tun, um sie in die Höhe zu
bringen. Ich bin erfreut, berichten zu können, daß unter Joe
Brandons Führung und mit treuer Unterstützung von Tad
Montross, an jeder der beschriebenen Fronten enormer Fortschritt
erzielt werden konnte.
Als ich 1998 der Fusion von Berkshire mit
General Re zustimmte, dachte ich, daß sich die Gesellschaft an
die drei Regeln hält, die ich aufgezählt habe. Ich habe das
Geschäft jahrzehntelang studiert und eine dauerhafte Disziplin
beim Eingehen von Risiken sowie eine konservative Bildung von
Rücklagen beobachtet. Zum Zeitpunkt der Fusion sah ich keine
Schlupflöcher in den Standards der General Re.
Ich lag tödlich falsch. General Re's
Kultur und Praktiken hatten sich grundlegend geändert, und ohne
daß das Management - und ich - etwas gewußt hätten,
beging die Gesellschaft schwere Fehler bei der Bepreisung ihres
aktuellen Geschäfts. Zusätzlich hatte sich General Re eine
Ansammlung von Risiken aufgeladen, die fatal gewesen wären, wenn,
sagen wir, Terroristen die Vereinigten Staaten mit mehreren
großen Atomwaffen angegriffen hätten. Ein Desaster dieser
Größenordnung war natürlich höchst
unwahrscheinlich, aber es liegt an den Versicherern, ihre Risiken in
einer Art und Weise zu begrenzen, daß ihre Finanzen grundsolide
bleiben, wenn das „Unmögliche“ passiert. Tatsächlich
hätten allein die Anschläge auf das World Trade Center die
Existenz der Gesellschaft gefährdet, wenn General Re
unabhängig geblieben wäre.
Das WTC-Desaster legte Schwächen im
Geschäft von General Re offen, die ich eher hätte entdecken
müssen. Aber ich hatte Glück: Joe und Tad waren griffbereit,
frisch ausgestattet mit mehr Kompetenzen und begierig darauf, die
Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Sie wußten, was zu tun
war - und sie taten es.
Dennoch dauert es einige Zeit, bis
Versicherungspolicen auslaufen, und 2002 war davon betroffen, bevor wir
eine Reduzierung der gesamten atomaren, biologischen und chemischen
Risiken (ABC) auf ein akzeptables Niveau managen konnten. Das Problem
liegt jetzt hinter uns.
Auf der anderen Seite hat sich General
Re’s Verhalten beim Eingehen von Risiken dramatisch gewandelt: Die
gesamte Organisation versteht jetzt, daß wir nur angemessen
bepreistes Geschäft abschließen wollen, welchen Effekt auf
das Volumen das auch immer hat. Joe und Tad beurteilen sich nur
aufgrund von General Re’s versicherungstechnischem Ergebnis.
Größe zählt ganz einfach nicht.
Schließlich versuchen wir alles, um
unsere Reserven zu ordnen. Wenn wir damit scheitern, können wir
unsere wahren Kosten nicht kennen. Und jeder Versicherer, der seine
Kosten nicht kennt, sieht sich großen Schwierigkeiten
gegenüber.
Zum Jahresende 2001 versuchte General Re
angemessene Reserven für alle Verluste, die vor diesem Datum
aufgetreten und noch nicht bezahlt waren, zu bilden - aber wir
scheiterten übel. Deswegen wurde das versicherungstechnische
Ergebnis der Gesellschaft in 2002 mit zusätzlichen $ 1,31
Milliarden bestraft, die wir ermittelt haben, um Schätzfehler
früherer Jahre zu berichtigen. Wenn ich mir die Fehler bei den
Reserven angucke, die bei General Re unentdeckt geblieben sind, scheint
mir eine Zeile aus einem Country Song treffend zu sein: „Ich
wünschte, ich wüßte jetzt nicht, was ich damals nicht
wußte.“
Ich kann Ihnen versprechen, daß es
unsere oberste Priorität in Zukunft sein wird, nicht ausreichende
Reservenbildung zu vermeiden. Aber ich kann keinen Erfolg garantieren.
Die natürliche Tendenz der meisten Manager von
Schadensversicherungen ist es, zu wenig Reserven zu bilden, und sie
müssen eine bestimmte Mentalität - die, das mag Sie
überraschen, nichts mit versicherungsmathematischen Kenntnissen zu
tun hat - haben, wenn sie diese verheerende Neigung überwinden
wollen. Dazu kommt, daß sich ein Rückversicherer weitaus
größeren Schwierigkeiten, Reserven angemessen zu bilden,
gegenübersieht als ein Erstversicherer. Nichtsdestotrotz waren wir
bei Berkshire mit unserer Reservenbildung im allgemeinen erfolgreich,
und es ist unsere Bestimmung, es bei General Re auch zu sein.
Zusammenfassend glaube ich, daß
General Re jetzt gut aufgestellt ist, um große Summen
kostenfreier Mittel an Berkshire zu liefern, und daß das Risiko
von Untergangskatastrophen eliminiert wurde. Die Gesellschaft besitzt
immer noch die wichtigen Wettbewerbsvorteile, die ich schon in der
Vergangenheit herausgestellt habe. Und sie hat im letzten Jahr einen
äußerst signifikanten Vorteil hinzugewonnen, als jeder ihrer
drei größten weltweiten Wettbewerber, vormals mit AAA
bewertet, von wenigstens einer Ratingagentur abgestuft wurde. Unter den
Giganten spielt General Re, durchgehend mit AAA bewertet, in Bezug auf
die finanzielle Stärke jetzt in einer eigenen Klasse.
Kein Attribut ist wichtiger. Als
Gegenstück hat in jüngster Zeit einer der weltweit
größten Rückversicherer - eine Gesellschaft, die
Erstversicherern regelmäßig von führenden Brokern
empfohlen wurde - die Zahlung von Ansprüchen eingestellt, auch die
rechtskräftigen und fälligen. Diese Gesellschaft schuldet
hunderten von Erstversicherern, die nun vor massiven Abschreibungen
stehen, viele Milliarden Dollar. „Billige“ Rückversicherung ist
eine Milchmädchenrechnung: Wenn ein Versicherer heute Geld gegen
das Versprechen eines Rückversicherers herauslegt, ein oder zwei
Jahrzehnte später zu zahlen, ist es für den Versicherer
gefährlich - und möglicherweise lebensbedrohlich - mit einem
anderen als dem stärksten Rückversicherer von allen
abzuschließen.
Berkshires Aktionäre schulden Joe
und Tad ein großes Dankeschön für ihre Leistungen in
2002. Sie haben während des ganzen Jahres härter gearbeitet,
als ich es irgend jemandem wünschen würde - und es zahlt sich
aus.
* * * * *
Bei GEICO lief 2002 alles so gut,
daß wir uns selbst kneifen sollten. Das Wachstum war
substantiell, Gewinne waren außerordentlich, die
Selbstbeteiligung der Versicherten stieg und die
Verkaufsproduktivität sprang signifikant. Diese Trends setzen sich
Anfang 2003 fort.
Danken wir Tony Nicely für dies
alles. Jeder, der ihn kennt, wird bestätigen, daß Tony seit
41 Jahren - seit er mit 18 Jahren zu dieser Gesellschaft kam - in GEICO
verliebt ist, und seine Ergebnisse spiegeln diese Passion wider. Er ist
stolz auf das Geld, das wir unseren Versicherten sparen - ungefähr
$ 1 Milliarde jährlich im Vergleich zu dem, was andere Versicherer
durchschnittlich berechnet hätten. Er ist stolz auf den Service,
den wir diesen Versicherten bieten: In einem wichtigen
Marktüberblick landete GEICO letztens vor allen wichtigen
Wettbewerbern. Er ist stolz auf seine 19.162 Mitarbeiter, die im
letzten Jahr für die großartigen Ergebnisse, die sie erzielt
haben, mit Erfolgsbeteiligungen belohnt wurden, die 19 % ihres
Basisgehaltes entsprachen. Und er ist stolz auf die wachsenden Profite,
die er Berkshires Aktionären liefert.
GEICO erzielte Prämieneinnahmen von
$ 2,9 Milliarden, als Berkshire 1996 alleiniger Eigentümer wurde.
Im letzten Jahr betrug das Volumen $ 6,9 Milliarden, und es wird weiter
stark wachsen. Besonders vielversprechend ist das Internet-Angebot der
Gesellschaft, dessen Neues Geschäft im letzten Jahr um 75 % wuchs.
Sehen Sie unter GEICO.com nach (oder wählen Sie 800-847-7536). In
den meisten Staaten erhalten Aktionäre einen besonderen
Nachlaß von 8 %.
Hier ist noch eine Fußnote zu
GEICOs Gewinnen in 2002, die die Wichtigkeit für Versicherer
unterstreicht, nur mit den stärksten Rückversicherern
Geschäfte abzuschließen. In 1981-1983 entschieden die
damaligen Manager von GEICO, ihr Glück mit dem Verkauf von
Garantie- und Produkthaftungsversicherungen zu versuchen. Die Risiken
erschienen moderat: Die Gesellschaft nahm nur $ 3.051.000 von dieser
Linie herein und nutze fast alles davon - $ 2.979.000 - um sich
rückzuversichern und ihre Verluste zu begrenzen. GEICO blieben
noch unbedeutende $ 72.000 als Ausgleich für den kleinen Anteil am
Risiko, das sie übernahm. Aber dieser kleine Biß vom Apfel
war mehr als genug, um das Experiment bemerkenswert werden zu lassen.
GEICOs Leistungen aus diesem Unterfangen haben sich bis heute auf
atemberaubende $ 94,1 Millionen oder 130.000 % der Nettoprämie,
die sie kassiert hat, summiert. Von dem gesamten Verlust stammen nicht
weniger als $ 90,3 Millionen (einschließlich $ 19 Millionen
für 2002) aus uneinbringbaren Forderungen an völlig kaputte
Rückversicherer. Soviel zu „billigen“ Rückversicherungen.
* * * * *
Ajit Jains Rückversicherungsbereich
war der Hauptgrund dafür, daß uns unsere Mittel im letzten
Jahr so wenig gekostet haben. Wenn wir jemals ein Foto in Berkshires
Geschäftsbericht setzen, wird es von Ajit sein. In Farbe!
Ajits Abteilung hat $ 13,4 Milliarden an
Mitteln angesammelt, mehr als alle außer einer Handvoll
Versicherer jemals aufgebaut haben. Er verwirklichte dies aus dem Stand
seit 1986, und selbst jetzt hat er nur 20 Mitarbeiter. Und, noch
wichtiger, er hat versicherungstechnische Gewinne erzielt.
Seine Erträge sind besonders
bemerkenswert, wenn Sie einige Geheimnisse der Bilanzierung mit
einbeziehen, die ich Ihnen darlege. Also bereiten Sie sich darauf vor,
Ihren Spinat zu essen (oder lassen Sie alternativ die beiden
nächsten Absätze aus, wenn Soll und Haben nicht Ihr Ding ist).
Ajits erzielte seinen
versicherungstechnischen Gewinn von $ 534 Millionen aus 2002, nachdem
seine Abteilung eine Zahlung von $ 428 Millionen bemerkt hatte, die
„rückwirkenden“ Versicherungen zuzuschreiben waren, die er
über die Jahre geschrieben hatte. In diesem Teil des
Geschäftes übernehmen wir von anderen Versicherern bis zu
einer festgelegten Summe die Zahlungsverpflichtungen für Verluste,
die bereits angefallen sind - oft für Ereignisse, die Jahrzehnte
früher stattgefunden haben - die aber immer noch bezahlt werden
müssen (z.B. weil ein in 1980 verletzter Arbeiter bis an sein
Lebensende eine monatliche Zahlung bezieht). Bei diesen Verträgen
zahlt uns ein Versicherer eine hohe Prämie im voraus, die
allerdings geringer ist als die von uns erwarteten zu erbringenden
Leistungen. Wir akzeptieren den Unterschied, weil (a) unsere Zahlungen
begrenzt sind und (b) wir das Geld anlegen können, bis die
Leistungen zu erbringen sind, was sich oft über ein Jahrzehnt oder
mehr hinzieht. Etwa 80 % der $ 6,6 Milliarden Reserven für unsere
Asbest- und Umweltrisiken stammen aus gekappten Kontrakten, deren
Kosten konsequenterweise nicht explodieren können.
Wenn wir eine rückwirkende Police
schreiben, buchen wir sofort sowohl die Prämie als auch eine
Reserve für die erwarteten Leistungen. Die Differenz zwischen
diesen beiden wird als Aktiva „Rechnungsabgrenzungsposten -
übernommene Rückversicherung“ gebucht. Dies ist keine kleine
Position: Am Jahresende, für alle rückwirkenden Policen,
waren es $ 3,4 Milliarden. Wir lösen diese Aktiva dann über
Belastungen des Gewinns über die erwartete Laufzeit jeder
einzelnen Police auf. Diese Belastungen - $ 440 Millionen in 2002,
einschließlich Belastungen bei General Re - erzeugen einen
versicherungstechnischen Verlust, aber einer der absichtlich und
wünschenswert ist. Und selbst nach diesem Hindernis für die
ausgewiesenen Gewinne erzielte Ajit im letzten Jahr einen großen
versicherungstechnischen Gewinn.
Wir möchten allerdings hervorheben,
daß wir mit Ajits Geschäft sehr große Risiken
übernehmen - weitaus größer als jeder andere
Versicherer in der Welt. Deswegen kann ein einzelnes Ereignis eine
große Veränderung in Ajits Ergebnissen in jedem beliebigen
Quartal oder Jahr verursachen. Das ärgert uns überhaupt
nicht: So lange wir angemessen bezahlt werden, akzeptieren wir die
kurzfristige Volatilität liebend gerne, der andere sich gerne
entledigen. Bei Berkshire verdienen wir langfristig lieber klumpige 15
% als glatte 12 %.
Wenn Sie Ajit auf unserer
Hauptversammlung sehen, machen Sie eine tiefe Verbeugung.
* * * * *
Berkshires kleinere Versicherer hatten
ein außergewöhnliches Jahr. Insgesamt wuchsen ihre Mittel um
38 %, und sie erzielten einen versicherungstechnischen Gewinn von $ 32
Millionen oder 4,5 % der Prämien. Zusammen würden diese
Gesellschaften eines der feinsten Versicherungsunternehmen im Land
ergeben.
In diesen Zahlen sind jedoch auch
schreckliche Ergebnisse in unserem Bereich für Entschädigung
kalifornischer Arbeiter enthalten. Hier haben wir noch Arbeiten zu
erledigen. Auch unsere Reserven haben die Marke hier deutlich verfehlt.
Bis wir herausfinden, wie das Geschäft richtig zu führen ist,
halten wir es klein.
Für das phantastische Jahr 2002
danken wir Rod Eldred, John Kizer, Tom Nerney, Don Towle und Don
Wurster. Sie schufen eine Menge Mehrwert für Ihre Investition in
Berkshire.
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