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Walter Schloss: Aktienanalyse - Teil 2
30.September 2008 | Kategorie: Aktien
Der erste Teil des Artikels Aktien-Analyse mit Walter Schloss behandelte die grundlegende Vorgehensweise des Investors, seine Vorliebe für Produkthersteller sowie seine tiefe Ablehnung gegen Schulden. Dieser zweite Teil setzt sich nun intensiver mit der eigentlichen Aktienbewertung auseinander.
Zur Beurteilung, ob eine Aktie wirklich unterbewertet ist, schaut Walter Schloss überraschenderweise zuerst, welche Preise die Börse in der Vergangenheit für das betreffende Unternehmen gezahlt hat. Als Ausgangspunkt für die Festlegung, ob der Aktienkurs gerade niedrig oder hoch ist, verwendet Walter Schloss gerne das Verhältnis von Kurs zu Buchwert. Schloss mag Aktien von Unternehmen, die nahe an ihrem Buchwert notieren. Um diese ausfindig zu machen und um einen Überblick über die verschiedenen Branchen zu erhalten, nutzt Walter Schloss das Value Line Investment Survey mit dem er bereits eine ganze Menge seiner Researchtätigkeit erledigt.
Regelmäßige Treffen mit den Geschäftsleitungen der Unternehmen veranstaltet Walter Schloss dagegen nicht. Er sieht sich persönlich dazu nicht in der Lage, weil diese Arbeit sehr kraftraubend ist. Da er noch 100 Jahre alt werden möchte, hat sich Walter Schloss für eine Selbstbeschränkung entschieden und die Jahresberichte der Unternehmen und ihre Bilanzen zu lesen, auf den Hintergrund der Gesellschaften zu achten, zu sehen, ob auch die leitenden Angestellten der Firma eine größere Anzahl Aktien besitzen sowie sich auf den Ruf der Menschen zu konzentrieren, die das Unternehmen leiten.
Für seine Entscheidungen beurteilt Walter Schloss jede Aktie einzeln und ist der Meinung, dass - sofern man all die zuvor genannten Dinge gewissenhaft erledigt hat - nicht das Management eines Unternehmens treffen muss. In diesem Zusammenhang betonte Schloss nochmals, dass sein Fokus wirklich nicht auf der Entwicklung der Unternehmensgewinne im kommenden Jahr liegt. Mit dieser Vorgehensweise versucht er sich selbst gegen einen Verlust von Kapital zu schützen. Zwar investiert Walter Schloss heute nicht mehr so aktiv wie früher, kauft aber immer noch gelegentlich Aktien, wenn er welche findet, die ihm zusagen.
Seine Strategie beschreibt Walter Schloss wie folgt: Seiner Ansicht nach ist es einfacher festzustellen, wenn eine Aktie billig ist, als ihren richtigen Verkaufszeitpunkt zu bestimmen. Ein normales Ertragsniveau des betreffenden Unternehmen vorausgesetzt, würde er eine Aktie wahrscheinlich versuchen zu einem Preis zu verkaufen, bei dem die Aktie auch in der Vergangenheit von ihren Anteilseignern verkauft wurde. Manchmal verkauft Walter Schloss auch, wenn sich eine gesamte Branche dramatisch verändert. Zudem gibt es auch Gelegenheiten, bei denen Schloss eine Aktie verkauft, weil er eine günstigere Aktie gefunden hat. Denn beim Value Investing ist es grundsätzlich üblich, teure gegen billige Aktien auszutauschen (Anmerkung: Walter Schloss beschreibt damit den klassischen Ansatz nach Graham und Dodd. Warren Buffett kauft sich dagegen am liebsten in Unternehmen ein, um diese ein Leben lang zu besitzen).
Wenn Walter Schloss eine Aktie gekauft hat und diese weiter fällt, kauft er weitere Aktien, sofern er nach wie vor von seiner Entscheidung überzeugt ist. Schloss liebt es Aktien zu kaufen, die fallen. Ihm ist bewußt, dass eine Menge Menschen diesen Ansatz nicht mögen. Doch er selbst fühlt sich mit dieser Vorgehensweise wohl. Allerdings macht er sich im Vorfeld auch Gedanken, welchen Betrag er maximal in eine bestimmte Aktie zu investieren bereit ist. Bei seinem ersten Kauf setzt er gewöhnlich nur bis zu 50% dieser Summe ein. Bei außergewöhnlich guten Gelegenheiten können es auch schon einmal 70% der maximalen Kapitalmittel sein. Aber auch Walter Schloss kann immer noch nicht vorhersehen, wie sich Aktienkurse in der nahen Zukunft entwickeln werden. Manchmal setzt er daher auch nur 10% der von ihm festgelegten Summe ein, wenn er eine Aktie unbedingt haben möchte, der Aktienkurs aber noch nicht seinen Preisvorstellungen entspricht.
Die durchschnittliche Haltezeit einer Aktie setzt Schloss mit vier bis fünf Jahren an. Der Grund dafür ist, dass sich die von ihm ausgewählten Aktien selten schnell erholen.
Seinen größten Fehler hat Walter Schloss nach eigenen Angabe bereits im Jahr 1949 begangen, als er mit Benjamin Graham zusammenarbeitete. Damals machte ihn Jemand auf ein Unternehmen aufmerksam, das ziemlich gut ist und sich mit Computern befasste. Schloss ging daraufhin zu Graham und teilte ihm mit, dass er die Aktien dieses Unternehmens mag. Ihr Kurs war gerade von 18 auf 21 gestiegen. Graham Antwort war: “Du weißt Walter, dass wir solche Aktien nicht kaufen.” Die Aktie stieg daraufhin auf 50 und nach einiger Zeit auf 2.000, bevor die Gesellschaft einen Aktiensplitt durchführte. Es handelte sich um die Aktien von Xerox. Es zeichnete sich ab, dass die Aktie eine enorme Kaufmöglichkeit gewesen wäre, aber Graham wollte sie nicht haben, da er nicht genug Wissen über das zugrundeliegende Geschäft des Unternehmens besaß.

