Walter Schloss: Ich arbeitete 9½ Jahre für Benjamin Graham

Aus Anlass zu seinem 90. Geburtstag teilten Walter Schloss und über 100 Freunde respektive Geschäftspartner am 11. Oktober 2006 ihre gemeinsamen Erinnerungen. Moderiert wurde die Diskussion von Carol Loomis – Redakteurin des Fortune Magazine.

Valueinvesting.de, 12. November 2006

Walter Schloss, einer der Superinvestoren von Graham-und-Doddsville, hat sich im Alter von 40 Jahren dafür entschieden, seinen eigenen Weg zu gehen. Während dem 47-jährigen Bestehen von Walter J. Schloss Associates erzielte er eine durchschnittliche jährliche Rendite von 20%, an dem seine Partner mit 15% beteiligt wurden. Dagegen konnte der S&P 500 während dieser Zeit kaum mehr als 10% p.a. zulegen.

Ein Investor, der am 1. Januar 1956 einen Betrag von 100.000 $ in den S&P 500 investiert hätte, verfügte am 31. Dezember 2002 über 9,3 Mio. $. Hätte er die gleiche Summe in der Schloss Partnership angelegt, wäre dieser Betrag auf über 78 Mio. $ angewachsen.

Walter Schloss erklärte, dass er 9½ Jahre für Benjamin Graham gearbeitet hat und sich nach einem anderen Job umsehen musste, nachdem sich Graham in Kalifornien zurückgezogen hatte.

Alles begann, als einer der Anteilseigner von Graham Newman Schloss anbot, Geld zu investieren, wenn dieser einen eigenen Fonds starten würde. Die Struktur des Fonds sah vor, dass Walter Schloss erst bezahlt würde, nachdem Gewinne realisiert wurden.

Bei den Aktien, die Schloss damals kaufte, handelte es sich nicht im Wachstumskatien. Walter Schloss sagte, dass Benjamin Graham sehr wert-orientiert war. Daher kaufte Schloss Aktien, die unter ihrem Nettoumlaufvermögen notierten. Davon gab es zwar nicht sehr viele, aber es gab sie.

Die Aktien von Walter Schloss waren statistisch betrachtet unterbewertet, aber nicht notwendigerweise gute Unternehmen. Es gab daher keinen Grund an ihnen festzuhalten. So kaufte Schloss die Unternehmen, nachdem die Aktien fielen, und verkaufte sie, nachdem sie gestiegen waren. Auch wenn nicht jedes Engagement aufging, erzielte Schloss mit dieser Vorgehenseise eine ziemlich gute Rendite.

Um Konkurrenz zu vermeiden, gab Walter Schloss seine Aktienkäufe nicht bekannt. Darüber hinaus vertrat er die Ansicht, dass wenn er 10 Aktien besaß, von denen 8 Aktien steigen und 2 Aktien fallen, sich die meisten Kunden nur auf die Verliereraktien konzentrieren würden.

Da Walter Schloss nach eigener Aussage über keine gute Menschenkenntnis verfügte, wählte er seine Investments nach den Zahlen und nicht nach den Menschen aus, die diese Unternehmen führten. So nahm er nicht an vielen persönlichen Treffen teil, es sei denn, dass sie in seiner Nähe stattfanden.

Schloss mag Unternehmen, die Dividende zahlen. Seiner Meinung nach ist sich das Management dadurch mehr über seine Aktionäre bewußt. Ein weiterer Grund, weshalb sich Walter Schloss auf Zahlen konzentrierte, war seine geringe Größe, durch die er glaubte, kein Gehör beim Management eines Unternehmens zu finden.

Die durchschnittliche Haltedauer seiner Unternehmen lag bei 4 Jahren. Trotzdem machte Schloss die Erfahrung, dass man oftmals zu früh verkauft. Dadurch hat man zwar den erwarteten Gewinn realisiert, aber ein möglicherweise großes Potenzial nach einem Verkauf verpasst.

Walter Schloss mochte keine Schulden. Nach seiner Meinung bedeuten Schulden für ein Unternehmen Probleme. Weiterhin vermied Schloss Unternehmen, die betrügen. Er sagte, dass Menschen mit geringer Reputation, deren Unternehmen niedrig bewertet sind, immer einen Weg finden werden, außenstehende Aktionäre zu übervorteilen.

Die Value Investoren, die Walter Schloss kennt, sind ehrliche Menschen. Es hat daher den Anschein, dass der Value Investing Ansatz von Leuten verfolgt wird, die ihre Entscheidungen ausschließlich aus Fakten ableiten, und nicht andere Menschen übervorteilen wollen.

Schloss Freude und Geschäftspartner bescheinigten ihm den richtigen Standpunkt für einen Value Investor. „Gehe Deinen eigenen Weg. Beneide keine anderen Investoren. Erkenne, dass die Zeit auf Deiner Seite ist, aber betrachte die Zeit nicht als notwendiges Übel für einen geduldigen Anleger. Genieße Dein Leben, während es passiert. Investiere, um Dein Leben zu bereichern, aber ordne das Leben nicht Deinem Portfolio unter.“

Nach diesen Geboten kann jeder Anleger leben. Weil er sich an diese gehalten hat, ist Walter Schloss vielleicht nicht der reichste Mann innerhalb des auserlesenen Umfeldes, in dem er sich bewegt. Bei jeder objektiven Analyse gehört er aber immer zu dem Kreis der am meisten respektierten und  erfolgreichsten Investoren.