Das Aufspüren und die Analyse attraktiver Aktien

Wenn Valueanleger eine Aktie finden, die anscheinend zu einem sehr niedrigen Preis verkauft wird, müssen sie sich fragen, ob mit dem hinter der Aktie stehenden Unternehmen möglicherweise etwas nicht stimmt. Ein vermeintlich preiswertes Papier sollte nach der ersten Aktienanalyse grundsätzlich nochmalig auf mögliche Risiken untersucht werden. Dabei kann es sich um zu erfüllende Pflichten – wie beispielsweise Pensionsverpflichtungen im Fall von Ford oder General Motors – oder eventuell um neue Produkte eines Konkurrenzunternehmens handeln. Mögliche Risiken können sowohl unternehmens- als auch branchenspezifisch sein.

Die Natur des Value Investing ist antizylisch. Das bedeutet, dass Valueanleger in der frühen Phase ihrer Investments typischerweise falsch liegen, indem sie sich gegen die Masse stellen. Denn die Masse ist diejenige, die Aktienkurse in die Höhe treibt oder bis ins Bodenlose fallen läßt. Daher müssen über einen unbestimmten Zeitraum auch Valueanleger Buchverluste ertragen.

Der Investor muss unabhängig davon, wie umfassend seine Nachforschungen ausfallen, und wie fleißig und klug er dabei vorgeht, immer mit unvollständigen Informationen leben. Andererseits führt die Kenntnis sämtlicher Fakten nicht zwangsläufig zu einem Gewinn. Der größte Teil der Aktienanalyse ist in vergleichsweise kurzer Zeit zu erledigen. Eine weitergehende Analyse ist sehr zeitaufwändig, da bestimmte Unternehmensinformationen nicht immer zur Verfügung stehen und zudem vergänglich sind.

Häufig korreliert eine niedrige Aktienbewertung mit hoher Ungewißheit über ein Unternehmen oder einen ganzen Sektor. In der Regel beginnen die Aktienkurse zu dem Zeitpunkt, an dem die Ungewißheit sich aufklärt, zu steigen. Der Verzicht auf Informationen kann zu schnelleren Entscheidungen führen und somit einen Vorteil bedeuten, während sich andere Investoren lieber noch tiefer in die vorliegenden Informationen einarbeiten. Dieser erhöhte Zeitbedarf kann für einen „späten“ Investor zu einem Verlust der Sicherheitsmarge führen.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist es ratsam das Verhalten von Insidern (Vorstände und Direktoren) zu beobachten. Die Beweggründe des Managements eines Unternehmens können eine sehr wichtige Rolle für das Ergebnis des Investments spielen, denn die Firmenleitung erfährt normalerweise zuerst, wenn die Geschäfte besser laufen und zu einem höheren Unternehmensgewinn (= höherer Aktienkurs) führen.

Die Aktienanalyse ist der Prozess, in dem eine große Zahl von Informationen auf eine händelbare Größe reduziert wird. Der Investor trennt sozusagen die Spreu vom Weizen. Dabei produziert die Analyse an sich noch keinen Gewinn. Dieser stellt sich erst später ein – manchmal sehr viel später – nachdem die im Rahmen der Aktienanalyse identifizierte Unterbewertung in eine Portfolioentscheidung umgesetzt und anschließend durch den Aktienmarkt bestätigt wird.