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Derivate
Charlie und ich haben
dieselben Ansichten über Derivate und die Handelsaktiviäten,
die sie begleiten: Wir sehen sie als Zeitbomben, sowohl für die
Parteien, die mit ihnen handeln, als auch für das
Wirtschaftssystem.
Nachdem ich diesen
Gedanken, auf den ich zurückkommen werde, aufgeschrieben habe,
lassen Sie mich zur Erklärung von Derivaten zurückgehen,
obwohl die Erklärung allgemein gehalten sein muß, weil das
Wort ein außerordentlich weites Feld von Finanzkontrakten
abdeckt. Grundsätzlich wechselt mit diesen Instrumenten Geld an
einem zukünftigen Datum den Besitzer, wobei die Summe von einem
oder mehreren Referenzwerten, etwa Zinssätzen, Aktienkursen oder
Währungskursen, bestimmt wird. Wenn Sie z.B. entweder long oder
short in einem S&P 500 Future-Kontrakt sind, sind Sie ein Teil
einer sehr einfachen abgeleiteten (derivativen) Transaktion - Ihr
Gewinn oder Verlust wird aus den Bewegungen des Index abgeleitet.
Derivative Kontrakte haben unterschiedliche Laufzeiten (teilweise bis
zu 20 Jahren und mehr) und ihr Wert ist oftmals an verschiedene
Variable gebunden.
Sofern derivative Kontrakte
nicht besichert oder garantiert sind, hängt ihr endgültiger
Wert auch von der Kreditwürdigkeit der Handelspartner ab. Bevor
ein Kontrakt jedoch abgewickelt wird, verbuchen die Handelspartner in
der Zwischenzeit Gewinne und Verluste - oft riesige Summen - in ihren
Gewinn- und Verlustrechnungen, ohne daß auch nur ein einziger
Cent den Besitzer wechselt.
Der Bereich von derivativen
Kontrakten wird nur von der Vorstellung der Menschen (oder manchmal, so
scheint es, Verrückten) begrenzt. Bei Enron zum Beispiel standen
in vielen Jahren zur Lieferung fällige Zeitungspapier- und
Breitband-Derivate in den Büchern. Oder sagen wir, Sie wollen
einen Kontrakt abschließen, der auf die Zahl der Zwillinge
spekuliert, die im Jahre 2020 in Nebraska geboren werden. Kein Problem
- wenn der Preis stimmt, werden Sie schnell einen Handelspartner finden.
Als wir General Re
erwarben, war auch General Re Securities dabei, ein
Derivatehändler, den Charlie und ich nicht wollten, weil wir ihn
als gefährlich beurteilten. Wir scheiterten jedoch mit dem
Versuch, das Geschäft zu verkaufen, und nun schließen wir es.
Aber ein
Derivateunternehmen zu schließen ist einfacher gesagt als getan.
Es wird sehr viele Jahre dauern, bis wir völlig aus diesem
Geschäft heraus sind (obwohl wir unser Risiko täglich
reduzieren). Tatsächlich sind das Rückversicherungs- und das
Derivategeschäft ähnlich: Wie in der Hölle kommt man
leicht rein und fast nie wieder raus. Wenn man in beiden Bereichen
einen Vertrag unterzeichnet - der Jahrzehnte später zu
großen Zahlungen führen kann - sind Sie üblicherweise
daran gefesselt. Es ist wahr, daß es Methoden gibt, durch die das
Risiko vorübergehend auf andere abgewälzt werden kann. Aber
die meisten Strategien dieser Art lassen Sie mit Verbindlichkeiten
zurück.
Eine andere Gemeinsamkeit
von Rückversicherung und Derivaten ist, daß beide
ausgewiesene Gewinne generieren, die oft äußerst
übertrieben sind. Das ist deswegen wahr, weil die heutigen Gewinne
in einer signifikanten Art und Weise auf Schätzungen basieren,
deren Ungenauigkeit sich erst nach vielen Jahren herausstellen kann.
Fehler werden
üblicherweise ehrlich passieren, reflektiert das doch nur den
menschlichen Drang, eine optimistische Sicht der eigenen
Verpflichtungen zu haben. Aber bei Derivaten haben die Parteien auch
enorme Anreize, bei der Bilanzierung zu schummeln. Diejenigen, die
Derivate handeln, werden üblicherweise (ganz oder teilweise) nach
„Gewinnen“ bezahlt, die sich aus der Bilanzierung zu Marktpreisen
errechnen. Doch oft gibt es keinen wirklichen Markt (denken Sie an
unseren Kontrakt mit den Zwillingen), und es sind Modellrechnungen
üblich. Dieser Ersatz kann in großem Maßstab Unheil
bringen. Generell kann gesagt werden, daß Kontrakte auf mehrere
Basisobjekte und mit weit entfernten Lieferzeitpunkten die
Möglichkeiten für die Handelspartner erhöhen,
einfallsreiche Annahmen zu treffen. In unserem Zwillings-Szenario etwa
können die beiden Parteien durchaus verschiedene Modelle nutzen,
nach denen beide viele Jahre lang große Gewinne erzielen. In
extremen Fällen degenerieren Modellrechnungen zu etwas, das ich
Mythenrechnungen nennen würde.
Natürlich
überprüfen sowohl interne als auch externe Revisoren die
Zahlen, aber das ist kein einfacher Job. So hatte zum Beispiel General
Re Securities am Jahresende (zehn Monate nach der Einstellung ihrer
Geschäfte) 14.384 ausstehende Kontrakte mit 672 Handelspartnern
aus aller Welt. Jeder Kontrakt hatte einen positiven oder negativen aus
einem oder mehreren Basisobjekten abgeleiteten Wert,
einschließlich einiger von irrsinniger Komplexität. Bei der
Bewertung eines derartigen Portfolios haben sachkundige Revisoren
einfach und legal sehr unterschiedliche Auffassungen.
Das Problem der Bewertung
ist weit mehr als ein akademisches. In vergangenen Jahren wurden einige
riesige Betrügereien und Fast-Betrügereien von
Derivatehändlern ermöglicht. Im Strom- und Versorgungssektor
zum Beispiel benutzten Gesellschaften Derivate und
Handelsaktivitäten dazu, riesige „Gewinne“ auszuweisen - bis das
Dach einstürzte, als sie versuchten, aus den Derivaten stammenden
Forderungen in ihrer Bilanz zu Geld zu machen. „Marktpreise“ erwiesen
sich dann wirklich als „Mythenpreise“.
Ich kann Ihnen versichern,
daß die fehlerhaften Bewertungen in der Derivatebranche nicht
symmetrisch gewesen sind. Fast immer haben sie entweder den
Händler begünstigt, der einem Millionen-Dollar-Bonus
entgegensah oder den Vorstandsvorsitzenden, der beeindruckende
„Gewinne“ ausweisen wollte (oder beide). Der Bonus wurde gezahlt, und
der Vorstandsvorsitzende profitierte von seinen Möglichkeiten.
Erst viel später lernten die Aktionäre, daß die
ausgewiesenen Gewinne eine Heuchelei waren.
Ein anderes Problem mit
Derivaten ist, daß sie Schwierigkeiten verschärfen
können, in die ein Unternehmen aus völlig anderen
Gründen reingeraten ist. Dieser Effekt der Anhäufung tritt
auf, weil viele Derivatekontrakte vorsehen, daß ein Unternehmen,
dessen Rating abgestuft wird, seinen Handelspartnern sofort
Sicherheiten stellen muß. Stellen Sie sich dann vor, daß
eine Gesellschaft wegen einer allgemeinen Notsituation abgestuft wird
und daß sofort ihre Derivate mit ihrer Erfordernis auf der Matte
stehen und einen unerwarteten und enormen Bedarf an Sicherheiten in
Cash an die Gesellschaft stellen. Die Notwendigkeit, diese
Verpflichtungen zu erfüllen, kann die Gesellschaft in eine
Liquiditätskrise stürzen, die in manchen Fällen, weitere
Abstufungen nach sich ziehen. Daraus wird eine Spirale, die zur
Kernschmelze des Unternehmens führen kann.
Derivate kreieren auch ein
„Gänseblümchenkranz-Risiko“, das mit dem Risiko verwandt ist,
das Versicherer oder Rückversicherer haben, die von ihrem
Geschäft viel an andere weiterreichen. In beiden Fällen kommt
es dazu, daß sich mit der Zeit riesige Forderungen gegen mehrere
Handelspartner aufbauen (bei General Re Securities haben wir immer noch
$ 6,5 Milliarden Forderungen, obwohl wir uns schon seit einem Jahr in
Liquidation befinden). Ein Teilnehmer mag sich selbst als vorsichtig
einschätzen, indem er davon ausgeht, daß seine großen
Kredite gestreut und damit nicht gefährdet sind. Unter bestimmten
Umständen kann jedoch ein von außen auftretendes Ereignis,
das die Forderungen von Unternehmen A schlechter werden
läßt, auch die Unternehmen B bis Z betreffen. Die Geschichte
lehrt uns, daß eine Krise oft Probleme auf anderen Gebieten
verursacht, die sich in ruhigen Zeiten niemand hätte träumen
lassen.
Im Bankenbereich war das
Erkennen eines „Verbindungs“-Problems einer der Gründe für
die Bildung des Zentralbankwesens. Bevor die Fed errichtet wurde,
konnte der Bankrott von schwachen Banken manchmal plötzliche und
unerwartete Liquiditätserfordernisse an vorher starke Banken
verursachen, was wiederum zu deren Bankrott führte. Die Fed
schützt heute die Starken vor den Schwierigkeiten der Schwachen.
Aber es gibt keine mit dem Job, die Dominosteine der Derivate und
Versicherungen vor dem Stürzen zu schützen, beauftragte
Zentralbank. In diesen Branchen können fundamental solide Firmen
nur wegen der Aktivitäten anderer Firmen weiter unten in der Kette
in Schwierigkeiten kommen. Wenn die Gefahr einer Kettenreaktion
innerhalb einer Branche besteht, lohnt es sich, Verbindungen jeder Art
zu minimieren. Auf diese Weise führen wir unser
Rückversicherungsgeschäft, und das ist ein Grund, warum wir
uns von Derivaten verabschieden.
Viele Leute argumentieren,
daß Derivate systematische Probleme reduzieren, da
Marktteilnehmer, die bestimmte Risiken nicht tragen können, diese
an stärkere Hände weiterreichen. Diese Leute glauben,
daß Derivate die Wirtschaft stabilisieren, Handel erleichtern und
Risiken für die einzelnen Teilnehmer eliminieren. Und das ist, auf
kleinstem Level, auch oft wahr. Tatsächlich gehe ich auch bei
Berkshire größere Derivate-Transaktionen ein, um bestimmte
Investmentstrategien leichter umsetzen zu können.
Charlie und ich glauben
jedoch, daß das große Bild gefährlich ist und es immer
gefährlicher wird. Große Risikosummen, insbesondere
Kreditrisiken, sind in den Händen relativ weniger
Derivatehändler konzentriert, die zusätzlich noch intensiv
miteinander handeln. Die Schwierigkeiten eines einzelnen können
schnell die anderen anstecken. Als ob das nicht schon genug wäre,
haben Handelspartner, die keine Händler sind, diesen Händlern
riesige Summen geliehen. Wie ich schon schrieb, sind einige dieser
Handelspartner in einer Art und Weise miteinander verbunden, die wegen
eines einzelnen Ereignisses gleichzeitig bei allen Probleme verursachen
kann (so wie die Implosion der Telekommunikationsbranche oder der
steile Rückgang im Wert von Stromhandelsprojekten). Verbindungen,
wenn sie plötzlich auftauchen, können ernsthafte Probleme im
ganzen System auslösen.
Tatsächlich
lösten 1998 die ausgedehnten und derivatelastigen Aktivitäten
eines einzelnen Hedgefonds, Long-Term Capital Management, so schwere
Befürchtungen der Federal Reserve Bank aus, daß sie eilig
einen Rettungsversuch startete. In einem späteren Bericht an den
Kongreß bestätigen Beamte der Fed, daß die
ausstehenden Geschäfte von LTCM - eine der allgemeinen
Öffentlichkeit unbekannte Firma mit nur ein paar hundert
Beschäftigten - durchaus eine ernsthafte Bedrohung für die
Stabilität der amerikanischen Märkte hätte darstellen
können, wenn sie nicht interveniert hätten. Mit anderen
Worten: Die Fed griff ein, weil ihr Vorstand Angst vor dem hatte, was
anderen Finanzunternehmen hätte passieren können, wenn der
LTCM-Dominostein umgefallen wäre. Und diese Affäre - obwohl
sie viele Teilnehmer am Rentenmarkt wochenlang lähmte - war weit
von einem Worst-Case Szenario entfernt.
Eines der derivativen
Instrumente, die LTCM nutzte, waren Total-Return Swaps, Kontrakte, die
einen Hebel von 100 % in verschiedenen Märkten, darunter Aktien,
ermöglichen. Beispielsweise stellt Partei A eines Kontrakts,
üblicherweise eine Bank, das gesamte Geld zum Erwerb einer
Beteiligung zur Verfügung, während Partei B, ohne
irgendwelches Geld einzusetzen, zustimmt, daß sie an einem
bestimmten Tag in der Zukunft alle Gewinne erhalten wird oder der Bank
jeden Verlust ersetzen wird.
Total-Return Swaps dieser
Art machen sich über Margin-Erfordernisse lustig. Darüber
hinaus schmälern andere Arten von Derivaten stark die
Fähigkeiten von Aufsichtsbehörden, Hebelwirkungen zu
bändigen und generell ihre Hände auf die Risikoprofile der
Banken, Versicherer und anderer Finanzinstitutionen zu legen. Es
stoßen sogar erfahrene Investoren und Analysten beim Analysieren
der finanziellen Situation von Firmen, die sehr stark in derivative
Kontrakte involviert sind, auf bedeutende Probleme. Wenn Charlie und
ich mit dem Lesen der langen Fußnoten, die die Aktivitäten
von bedeutenden Banken in Derivaten erläutern, fertig sind, ist
die einzige Sache, die wir verstehen, daß wir nicht verstehen,
wieviel Risiko die Institution fährt.
Der dienstbare
Derivategeist ist jetzt aus seiner Flasche gekommen, und diese
Instrumente werden sich mit Sicherheit so lange in Form und Zahl
vervielfachen, bis ein Ereignis ihre Giftigkeit klar macht. Kenntnisse
darüber, wie gefährlich sie sind, haben bereits die
Elektrizitäts- und Gaswirtschaft durchdrungen, in der die Eruption
von großen Schwierigkeiten die Anwendung von Derivaten dramatisch
verringert hat. Anderswo jedoch wächst das Derivategeschäft
ungebremst weiter. Zentralbanken und Regierungen haben bis heute keinen
erfolgversprechenden Weg gefunden, die von diesen Kontrakten
ausgehenden Risiken zu begrenzen oder auch nur zu überwachen.
Charlie und ich sind davon
überzeugt, daß Berkshire eine Festung der finanziellen
Stärke sein muß - im Interesse unserer Eigentümer,
Gläubiger, Versicherten und Angestellten. Wir versuchen vor jeder
Art von megakatastrophalem Risiko auf der zu Hut sein, und diese
Haltung mag uns wegen der sprießenden Menge langlaufender
Derivatekontrakte und der massiven Summe ungesicherter Forderungen, die
nebenher wachsen, übermäßige Sorgen bereiten. Aus
unserer Sicht sind Derivate jedoch finanzielle
Massenvernichtungswaffen, die Gefahren beinhalten, die - obwohl jetzt
nur latent vorhanden - möglicherweise tödlich sind.
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